Dienstag

La Push: Expeditionen ins Tiersein

Dieser Adler ist unser Begleiter auf einem der
wildesten Küstentrails Nordamerikas
Der Weg ist das Ziel beim Lauftraining? Schön. Aber irgendwann und irgendwo müssen wir ja auch etwas anfangen mit all der Ausdauer und Kraft. Ein Wettkampf, na gut. Hier ist ein alternativer Vorschlag für Genießer: Rennen wir doch einfach mal durch den Regenwald. Don't try this at home!

Der Ranger sagt nein
»Not gonna happen!« Gregg, der Ranger im Visitor Center des Olympic National Parks schüttelt bestimmt den Kopf. »Nicht machbar.«
Himmel, bin ich erleichtert. Denn diese Worte bedeuten, dass wir das neueste Glied in einer Kette haarsträubender Laufvorhaben nicht in die Tat umsetzen können.
Wir sind in Forks, einer 3.000-Seelen-Gemeinde im US-Bundesstaat Washington, bekannt für seine Nähe zu beeindruckenden Landschaften aus Steilküsten, Stränden und Regenwäldern, seinen Regenreichtum (viermal soviel Niederschlag wie in Hamburg, durchschnittlich drei Meter im Jahr) sowie als Schauplatz der erfolgreichen ›Twilight‹-Serie, nach der es hier vor sympathischen Vampiren und Werwölfen nur so wimmelt.
Greggs Ablehnung ist die überraschend energische Reaktion auf unsere Eröffnung, dass wir gerne die South Coast Beach Route im Olympic National Park in einem Tag zurücklegen wollen. Und dazu noch einige Fragen hätten.

Herrchens Plan
Ist es Trotz, dass mein Schweinehundeherrchen die Worte des Rangers nur registriert, aber nicht weiter ernst nimmt? Natürlich nicht, es ist schlichte Dummheit gepaart mit einer gehörigen Portion Ignoranz und Realitätsverleugnung. Gregg, der durchaus vernünftig und kompetent aussieht, wird nun unfreiwillig mit den Details unseres Vorhabens konfrontiert: Morgen wäre um 7:17 Uhr die Tide mit minus 2,1 Fuß niedriger als an vielen anderen Tagen, so dass man, wenn man gegen 6:00 Uhr Morgens von Süden begänne, knapp aber genug Zeit hätte, die nur bei Ebbe passierbaren Wegstellen zu meistern. Dabei ginge es im Wesentlichen um ein breites Feld von Felsblöcken in der Nähe der Mündung des Hoh River, durch das man klettern muss, das Durchwaten der Flüsse Mosquito Creek und Goodman Creek, deren Wasserstände stark tiden- und niederschlagsabhängig sind, sowie die Umrundung von Scotts Bluff, wo die Steilküste nah ans Wasser ragt. Die Steilküstenabschnitte um den Hoh Head, Goodman Falls und Taylor Point würden wir nicht versuchen an der Küste zu passieren, denn das wäre mit zu gefährlichen Klettereien oder gar Schwimmen verbunden. Stattdessen würden wir uns an den bereitgestellten Leitern die steilen Felsen emporarbeiten und uns oben im Landesinneren einige Kilometer durch den Regenwald schlagen, bis es wieder sicher ist, an den Strand hinunter zu klettern. Im Übrigen würden wir den Weg nicht gehen, sondern laufen und wären daher schneller als Wanderer.
Gregg mustert ihn nur unergründlich.
›Jetzt merkt er, dass wir uns ausführlich mit der Strecke auseinandergesetzt haben und ist beeindruckt‹, lässt Herrchen mich im Stillen wissen.
›Quatsch, jetzt überlegt er, ob er zuerst die Sanitäter oder das Psychologenteam alarmieren soll‹, gebe ich zurück.

Du musst ein Tier sein
»There is a window of opportunity«, sagt Gregg schließlich langsam. Amerikaner sind in ihrer Ausdrucksweise meist etwas weniger direkt als Deutsche. Kritische Beurteilungen können sie außerordentlich diplomatisch verpacken. Insofern müsste man Greggs Bemerkung etwa so übersetzen: ›Wenn man etwas unbedingt will, dann kann man es auch schaffen. Klar. Auch du. Die Wahrscheinlichkeit, dass du damit durchkommst ist… vorhanden. Sie ist zwar vergleichbar mit deinen Erfolgsaussichten, in einer Boxrunde zwei Klitschkos auszuknocken, aber sie ist da. Theoretisch.‹
Dann merkt er wohl, dass er aus seiner Sicht ein etwas zu optimistisches Signal gesendet hat und schiebt nach: »But you’d need to be a physical animal to do it.«
Physical Animal? Damit verlässt Gregg eindeutig das Feld der Diplomatie, ein ungewohnt deutliches Alarmzeichen! Übersetzt heißt das: »Du musst tierisch bescheuert und hirnloser sein als die meisten Wirbellosen, um es zu versuchen.«
Ungerührt erkundigt sich Herrchen bei Gregg nach weiteren Details. »Wie tief ist denn gerade der Mosquito Creek?«
»Wade«, ist die knappe Antwort.
»Und Goodman River?«
»Hüfte.«
»Strömung?«
»Mh-hm.« Gregg schaut sehr neutral drein. Dann erbittet er sich einen Moment, um zwei Wanderern einen Plastikcontainer zu überreichen, der wie ein kleines Bierfass aussieht.
»Was ist denn das?«, frage ich.
»Bärencontainer«, meint Herrchen fröhlich. »Sind hier Pflicht auf den Wanderwegen im Hinterland. Zum Verpacken der Nahrungsmittel. Damit der Geruch die Bären nicht anlockt. Wir brauchen keinen, denn wir werden ja kaum Nahrungsmittel dabeihaben.«
»Du willst diese Strecke nicht wirklich laufen, oder?«
»Schau mal Marvin«, balzt er wie eine vernarrte Waldohreule.
»Was?!«
»Ich will dir etwas zeigen. Jetzt arbeite nicht schon wieder auf so eine Edvard-Munch-Grimasse hin. Das hier muss dir gefallen.«
Er breitet die detaillierte Karte des South Coast Beach Route (Maßstab 1:62.500) aus, die er eben von Gregg für vier Dollar erstanden hat.
Nacheinander deutet er auf einzelne Punkte der Karte: Halbmondförmige Buchten, bewachsene ›Haystack Mountains‹, die wie Kathedralen aus den Wassern des Pazifik ragen, und vor engliegenden Höhenlinien strotzende Küstenwälder. »Entlang dieses knapp dreißig Kilometer langen Küstenstreifens warten auf uns schwerzugängliche Strände, fantastische Felsen und rauschende Regenwälder. Niemand hat sich je getraut, dort Straßen zu bauen, also gibt es keine Autos. Und Boote wagen sich auch nicht in die Gegend.« Dann fangen seine Augen an zu funkeln. »Und dabei ist das einer der atemberaubendsten Abschnitte der gesamten amerikanischen Westküste! Da müssen wir einfach hin.«
»Erinnerst du dich an Dänemark, wie fertig du warst nach nur fünfzehn Kilometern Strand?«, frage ich. »Und das hier ist viel, viel härter.«
»Weißt du doch gar nicht.«
»Und dann noch die Strecken durch den Regenwald! Das wird mindestens so schlimm wie auf Vancouver Island, wo wir auf diesem fürchterlichen West Coast Trail durch Matschlöcher und über Wurzeln, Bäume und Felsen gekrabbelt sind. Da waren wir mit nur ein bis zwei Stundenkilometern unterwegs, und dabei haben wir uns noch beeilt um dem Schwarzbären zu entkommen, der uns am Strand begegnet ist.«
»Stimmt. Aber heute sind wir fitter.«
»Die meisten Wanderer nehmen sich für die South Coast Beach Route drei oder sogar vier Tage Zeit!«
»Warte mal eben«, ignoriert er mich, weil Gregg sich uns wieder zuwendet. Eine Frage hätte Herrchen noch. Es gäbe noch eine kritische Stelle entlang des Weges namens Scotts Bluff. Laut Karte kommt man dort nur bei Niedrigwasser von maximal einem Fuß Höhe durch. Bis wir von Süden an diese Stelle kommen, dürfte das Wasser jedoch höher gestiegen sein. Ob man denn auch im Landesinneren Scotts Bluff umgehen könne?
»Ich denke schon«, meint der Ranger und deutet auf unsere Detailkarte. »Dort ist ein Weg eingezeichnet.« Er würde ihn allerdings nicht kennen, denn bisher hätte er diese Stelle stets am Strand passiert.
»Danke, dann ist ja alles klar«, meint Herrchen und verabschiedet sich.
Gregg sieht uns besorgt an. »Es ist wirklich die Natur, die da draußen das Sagen hat, weißt du.«
»Mh-hm.«
Gregg sieht uns außerordentlich besorgt an. »Ich hoffe, ich konnte Dir helfen…«
Wir danken nochmals, versichern, dass er uns sehr geholfen hätte und verlassen das Besucherzentrum.
»Ist dir klar«, zische ich, »dass uns gerade massiv davon abgeraten wurde, diese Tour zu unternehmen?«
Aber ihn durchprickelt nur der Champagner der Herausforderung. Weit über der zulässigen Promillegrenze. »Physical animal«, murmelt er. »Was er damit wohl meint?«
Wir werden es herausfinden.

Discounterbrötchen zum Start
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 5:30 Uhr. Das ist früh, stört aber nicht weiter, weil wir erst drei Tage in den USA und immer noch ein bisschen auf deutscher Zeit sind. Er springt munter aus dem Bett. K.u.K. zum Aufstehen zu motivieren ist allerdings nicht ganz so einfach. Bis alle angezogen und bereit zum Aufbruch sind, vergeht etwa eine halbe Stunde. Er nutzt sie für ein kleines Frühstück: Wasser und eine Menge von Aldi-Mini-Brioches, von denen noch eine ganze Tüte aus dem Reiseproviant übrig geblieben ist. Die restlichen Brioches wandern in den Deuter und leisten dort der gefüllten Wasserblase, dem GoLite-Poncho, der Rono-PY-10-Hose sowie einer Bergans Microlite Jacke nebst einigem Kleinkram wie Kompass, Taschenmesser und Karte Gesellschaft.
Angezogen hat er kurze Rono-Laguna-Laufshorts, das Puma-USP-Hemd und den Fjällräven Vergio Pullover. Schließlich ist es draußen noch etwas frisch.
Etwa eine halbe Stunde dauert die Fahrt von Forks zum sogenannten Oil City Trailhead. Das Wetter ist trocken, aber bewölkt, die Temperatur beträgt vielleicht zwölf bis fünfzehn Grad Celsius. Zuerst geht es südlich auf der US 101, von der am Hoh River eine Stichstraße zur Küste abbiegt. Bald wird die schmale Teerstraße zu einer schmalen Schotterstraße. Manchmal sieht man einzelne, baufällige Häuser rechts und links, bei denen nicht ganz klar ist, ob sie noch bewohnt sind. Meist jedoch fahren wir durch den Wald.

Oil City
Der Name Oil City verheißt nicht unbedingt die Nähe zur unberührten Natur, aber das ist irreführend. Tatsächlich gibt es hier weder eine Stadt noch Öl. Um 1920 herum entwickelten eine Reihe von neugegründeten Explorationsfirmen den Plan, in dieser Gegend nach Öl zu bohren. Abenteuerlustige, aber ahnungslose Aktionäre hatten ihnen dafür ausreichende Geldmittel zur Verfügung gestellt. Regelmäßig nährte man ihre Hoffnung durch Meldungen, nach denen der ›Gusher‹, die meterhohe Ölfontäne, unmittelbar bevorstünde. Nur gäbe es hier oder da noch ein unvorhergesehenes Problem, das kurzfristig zusätzliche Barmittel erforderte. Die Aktionäre schickten fleißig Geld.
Unklar ist, ob die Unternehmen hier überhaupt jemals durch den dichten Regenwald bis hierher vorgedrungen sind. Jedenfalls sprudelte allein das Geld der armen Aktionäre. Nach kurzer Zeit waren das Geld, die Hoffnung auf Öl und die Ölfirmen verschwunden.
Wir sind also in einer Gegend für glücklose Glücksritter. Wie passend.
Etwa zehn Meilen hat sich unser Nissan XTerra Geländerwagen von der Bundesstraße 101 Richtung Pazifik vorgearbeitet. Hier endet die Straße in einer Kehre. Links sieht man durch die Bäume das breite und steinige Flussbett des Hoh River. Vor uns ist nur undurchdringlicher Wald, vom Pazifik sieht und ahnt man hier noch nichts. Aber in der Kehre parken eine Handvoll Autos. Heute ist der Sonntag vor Memorial Day und an diesem letzten Maiwochenende ist man traditionell in den USA viel unterwegs. Einige Ausflügler scheinen also bereits gestern angekommen zu sein und auf dem Wanderweg zu übernachten. Oder aus sonstigen Gründen nicht wieder zurückgekommen zu sein.
›Not gonna happen‹, klingt es mir in den Ohren.

Am Trailhead
K.u.K. kennen den Drill mittlerweile: Er verlässt den Fahrersitz, macht Dehnübungen, schultert den Rucksack, Kirsten macht Fotos, übernimmt dann das Steuer und Thilo, Julian und Linea winken, als sie davonfahren. Und wir stehen allein am Oil City Trailhead.
6:30 Uhr. Es ist nahezu windstill.
Ihn überkommt ein kurzer Moment der Andacht.
Mich ein langer Moment der Angst. ›Not gonna happen‹, hallt es laut in meinem Kopf. Ich kneife die Augen zu. Ich wünsche mich weit weg. Es hilft nichts. Als ich die Augen wieder aufmache, laufen wir schon.

Pflanzen-Petting
Während unsere Schritte durch einen schmalen und schlammigen Waldpfad entlang des Hoh River schmatzen, muss er sich seinen Gefühlsüberschwang wieder einmal von der Seele sabbeln: »Sind diese ersten Schritte nicht wie der erste Kuss beim Vorspiel?«, geht es schnurstracks unter die Gürtellinie. »Die Gefühlsintensität nimmt zu, es wird leibhaftig und körperlich. Ob es das ist, was Gregg mit ›Physical Animal‹ gemeint hat?«
Was er da sagt ist nicht nur dämlich, sondern geradezu abartig. Ich gebe zurück: »Fängst du demnächst an, Sitkafichten zu kraulen, Hemlock-Tannen zu beturteln oder gar Huckleberry-Büsche zu schänden? Was soll das hier werden? Pflanzen-Petting?« Vielleicht ist er ja so was wie ein Forst-Frotteur?
»Du klingst eifersüchtig«, meint er trocken und konzentriert sich dann auf den Weg, der uns nun direkt ans Flussufer und über große Flusskiesel führt. Obwohl es nicht wirklich komfortabel ist, läuft er hier. Ab und an müssen wir über einige von aller Rinde kahlgewaschene Baumstämme springen. Man sieht bereits die Flussmündung und ahnt dahinter die Weite des Pazifiks.

Das Indianerreservat
Auf der anderen Seite des Flusses liegt die winzige Hoh Indian Reservation. Mit nicht einmal zwei Quadratkilometern ist sie etwa so groß wie Monaco, mit dem sie sich auch die weltpolitische Bedeutsamkeit teilt. Ihren eigenen Legenden nach wurden die Vorfahren der Hoh-Indianer dort drüben vom mächtigen K’wati erschaffen. K’wati, zwar klein und glatzköpfig, hatte dennoch die gottähnliche Schaffens- und Vorstellungskraft, das ganze Gebiet des heutigen Olympic National Parks in seine jetzige, so wunderschöne Form zu bringen. Er zauberte Berge, Steilküsten und Flüsse. Wilde Wölfe verwandelte K’wati in die Vorfahren des Schwesterstammes der Hoh, die Quileute. Bei den Hoh-Indianern selber ist die Legende weniger wildromantisch. K’wati kam, sah und entdeckte, dass die Ur-Hoh beim Gebrauch ihrer Gliedmaßen noch Entwicklungspotenzial hatten: Gehen taten sie nämlich auf den Händen und gefischt haben sie mit den Füßen. Kein Wunder, dass sie ein eher mageres und unterernährtes Volk waren. K’wati hielt sich nicht lang mit Zauberkunst auf und gab ihnen einfach nur einen Tipp: Sie sollten es doch mal anders herum versuchen: Mit den Füßen laufen und mit den Händen fischen. Dann zog er schnell weiter.
»Irgendwie eine wenig rühmliche Schöpfungsgeschichte«, findet er. »Was will uns die Legende damit sagen?«
»Vielleicht, dass es manchmal Umstände gibt, in denen der Mensch einfach zu schief gepolt ist um zu merken, wie schwer er sich das Leben macht. Und dass man sich ruhig einmal selber daraufhin überprüfen könnte.«
»Hm?«, tut er geistesabwesend und übersieht meinen Wink mit dem Zaunpfahl.
»Vielleicht bräuchtest Du auch mal K’wati-Besuch«, setze ich nach.
»Um animalisches Wolfsblut in unsere Adern zu zaubern? So ähnlich fühlen wir uns doch gerade schon.«
»So ein Quatsch. Du bist wie einer dieser alten Hoh-Vorfahren. Du tust Dinge, die nicht sein müssen, die viel zu anstrengend und vollkommen bescheuert sind.«
»Mir sagt die Legende eher, dass wir langsam in eine Gegend kommen, wo Menschen, Tiere und der Rest der Natur enger miteinander verwoben sind als an den meisten anderen Orten dieser Erde. Toll, was?«
»Warum können wir uns nicht enger verweben und endlich einmal ein Gespräch mit befriedigendem Ausgang führen?«
Er antwortet nicht und lässt mich in meiner Frustration allein.

Parabelflug
Wir erreichen den Pazifik, und seine Gefühle werden groß. Die nächsten Sekunden sind praktisch nicht mit Worten vermittelbar.
Aber ich versuche es einmal.
Wie in einem Parabelflug gleitet er schwerelos dahin. Sein Bewusstsein ist zu eingenommen von den Eindrücken, um Schwerkraft und Naturgesetzen irgendwelche Beachtung zu schenken.
Was wir gerade sehen, ist im wahrsten Sinne des Wortes einmalig. Die Szenerie aus Strand, Wasser, Wolken, die Farben, all das existiert nur in diesem Moment; es kann und wird in der nächsten Stunde ganz anders aussehen. Wir erleben eine unwirkliche Landschaft, die nur hier, nur jetzt und dann nie wieder ist und sein wird. Als hätte K’wati, der Verwandler, sie nur für uns hier hingezaubert. Weit enthüllt hat sich das Meer und gibt den Blick auf seinen Grund frei. Für ein, zwei Stunden können wir Moses spielen und dort laufen, wo sonst selbst Schwimmen zu gefährlich wäre. Diffus strahlt das Sonnenlicht zwischen grauweißen Wolken und der riesigen, feuchten Sandfläche hin und her.
Und in diesem Moment, grenzenlos, zeitlos, maßlos in seiner Weite, hören wir den Schrei des Adlers. Ein Weißkopf-Seeadler erhebt sich von einem Fels in der Brandung vor uns und steigt mit majestätischen Flügelschlägen zum Himmel empor.
Es scheint, als folge er uns. Wie ein Ausrufezeichen der Freiheit.
Oder wie ein Geier.
Während ich mich unsicher nach Schwarzbären umschaue, saugt Herrchen die Eindrücke auf. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, die Landschaft nicht ganz erfassen zu können. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie alles Andere als statisch ist. Wasser, Wolken, Strömung, Farbspiele, alles bewegt sich. Wir laufen hinein in eine Unermesslichkeit, die räumlich und zeitlich ist. Ab und an hält sich der Blick fest: An den Monolithen, die steil aus dem Wasser ragen, an dem überhängenden Regenwald an der Steilküste etwas weiter landeinwärts, an ›Tide Pools‹, Vertiefungen, in denen bei Ebbe ein Stückchen Ozean einschließlich seiner Bewohner zurückgeblieben ist. Aber das gibt keinen dauerhaften Halt in dieser grenzenlosen Weite. Menschen sehen wir nicht. Bären übrigens auch nicht, wie ich erleichtert feststelle.
Er hält an, zieht den Pullover aus und stopft ihn in den Rucksack. Das leichte Puma-Shirt reicht bis auf weiteres. »Dieser Ort ist ja wohl…« Er ringt nach Worten. »…unglaublich.« Na, da ist er ja richtig einfallsreich. »Ich meine, nicht im klassischen Sinne schön, sondern… ergreifend. Als höre man zum ersten Mal ein Klavierkonzert von Rachmaninov.«
»Was willst du mir damit sagen?«
»Ich will dir gar nichts sagen. Ich versuche es selber zu begreifen.«
»Da hast du dir ja einiges vorgenommen.«
»Lass uns weiterlaufen.«

Seegurkenphantasien
Er läuft weiter durch die entblößte Strandlandschaft. Der Untergrund auf den ersten hundert Metern ist dafür phantastisch geeignet, findet er. Der Sand des Meeresbodens ist fest, aber dennoch etwas federnd.
»Wenn das so weitergeht, werden wir viel schneller sein als erwartet«, frohlockt er.
Es geht so nicht weiter. Ein Feld schwarzgrauer Felsen versperrt den Strand. Manche sind so groß wie Kleinwagen, andere so klein wie Wassermelonen. Alle sind feucht, von Seetang und Muscheln bewachsen und glitschig. Viele sind außerdem recht scharfkantig und sehen aus, als wären sie aus hunderten von einzelnen Steinen zusammengebacken. Herumlaufen können wir nicht, das Feld erstreckt sich von der Steilküste bis ins Wasser. Wie weit es sich in Laufrichtung fortsetzt, können wir von hier aus nicht sehen. Wie dieses Hindernis entstanden ist, ist nicht ganz klar. Klar ist nur, dass die Gefahr, sich hier die Beine zu brechen oder den Knöchel zu verrenken von nun an stark ansteigen wird.
»Wo ist wohl die beste Route?«, fragt er sich.
»Zurück und ein Taxi zum Hotel nehmen?«, schlage ich vor.
Wortlos fängt er an zu klettern. Wir müssen aufpassen, nicht nur, damit wir nicht abrutschen, sondern damit wir nicht allerlei Meeresgetier zertreten. Die meiste Zeit ist diese Stelle wahrscheinlich unter Wasser, jedenfalls klammern sich überall rote Seesterne, grüne Anemonen und unzählige Muscheln an den Fels.
Die haben auf jeden Fall besseren Halt als seine Asics Gel Kayano Schuhe (342 Gramm pro Schuh im neuwertigen Zustand). Ich sehe uns schon die Krone der bizarrsten Läuferverletzungen erobern. So könnten wir beispielsweise abrutschen, uns an einer Kolonie von California Mussels den Hosenboden wegraspeln und eine unschuldige Seegurke dorthinein rammen, wo die Sonnenfinsternis der Tiefsee herrscht. So hätte unsere Hausärztin auch endlich mal die Möglichkeit zu einer eindeutigen Diagnose, spätestens wenn ihr auf dem Ultraschallbild eine Seegurke entgegengrinst. Ich sehe das Foto schon in der nächsten ›Runner’s World‹ in der Rubrik ›Laufpartnerschaften‹. Vielleicht werden die Gurke und er ja auch als Laufteam beim Comrades Marathon zugelassen, das wäre dann sogar einen Artikel in der Laufzeitschrift wert.
»Marvin«, sagt er, »ich verstehe dein Dilemma, dass du dich niemals selber ausleben kannst. Aber deine Phantasien beunruhigen mich manchmal schon etwas.«
»Grmpf.«
»Ist das dein Kommentar als Außenstehender zum Thema Sex?«
Ich schweige.
»Dich reizt bestimmt mal so eine richtig sexy Schweinehündin, oder?«, tut er kumpelhaft.
Ich antworte nicht.
»Eine richtig schweinemäßige?«, bohrt er weiter.

»Marvin?«

»Marvin??«
»Äh, ja?«
»Wo warst du?«
»Ach, nur mal kurz die Zirbeldrüse durchrammeln.«
»Igitt. Ist es so schlimm?«
»Eigentlich die meiste Zeit.«
»Heftig.«
»Konzentriere dich aufs Klettern und verschone mich mit deinem Gesabbel.«
Und er klettert weiter. In seinen leichten Shorts fühlt er sich schutzlos, denn die Beine geraten häufig in Kontakt mit dem Fels.
Und jetzt fällt ihm auch noch die Karte aus dem Hüftgurt. Sie landet im Sand zwischen den Felsen. Wir heben sie auf und stecken sie zurück. Nach einigen Metern fällt sie zum zweiten Mal heraus. Diesmal ins Wasser zwischen den Steinen. Er schüttelt sie aus und hält sie von nun an in der Hand. Der Nachteil ist, dass es sich so etwas mühseliger klettert. Aber immerhin zeigt ihm der Vorfall, dass es wohl cleverer wäre, weiter oben am Strand über die Felsen zu klettern, wo man, sollte man doch einmal ausgleiten, in den Sand und nicht ins Wasser rutscht. Gibt auch weniger Seegurken da.
Wir schaffen es ohne größere Blessuren hinüber, bis auf einen blutenden Kratzer an der rechten Handfläche ist nichts weiter passiert.

Vor dem Regenwald
»Puh«, meint er, »wenn noch mehr davon kommen, wird es länger dauern als geplant.«
»Ich höre hier immer Plan«, antworte ich. »Du kannst hier nicht wirklich planen, es gibt zu viele Unsicherheiten. Überleg mal, was alles dazwischenkommen kann!«
»Hm«, macht er nur und steckt die Karte in den Bauchgurt. Eine schlechte Idee, wie sich später herausstellt.
Die Bucht, durch die wir nun weiterlaufen, heißt Jefferson Cove. Hier stehen ein paar Zelte, allesamt knapp hundert Meter entfernt von uns am oberen Rand des Strandes, außerhalb der Reichweite der Flut. Einige Camper stehen gerade auf und entzünden ein Feuer aus Strandholz. Vielleicht war die Nacht kälter als… geplant.
»Warum zelten die hier?«, fragt er sich. »Ich meine, so nah am Oil City Trailhead? Entweder sind sie nicht besonders weit gegangen oder hätten das letzte Stückchen noch locker gehen können.«
»Locker?«, frage ich zurück. »Bist du sicher?«
Nach wenigen Minuten haben wir die Zelte und den Geruch des Feuers hinter uns gelassen. Es ist noch immer nahezu windstill.
Unsern Körper durchbebt wieder der Laufrhythmus. Dazu tönt der Schrei unseres Begleiters, des Weißkopf-Seeadlers über uns. Herrchens Gefühle fliegen ebenso hoch.
Der Pazifik rauscht sanft, aber rechts von uns liegen die Zeugen seiner Kraft: Wälle von Baumstämmen türmen sich an der Unterkante der Steilküste.
An flacheren Abschnitten ragt der Wald bis dort hinunter, meist ist der schwarzgraue Fels jedoch nahezu senkrecht, so dass sich dort keine Vegetation halten kann. Auf jeder halbwegs waagerechten Fläche dort oben sprießt üppiges Grün. Bald werden wir uns dort hinaufarbeiten.
Noch federt unter uns der flache Strand, der hier von einem dünnen Wasserfilm überzogen ist. Auf der glatten Fläche spiegeln sich Wolken, die vollgesogen mit frischer Feuchte vom Pazifik herantreiben und ihre Arme nach der Küste ausstrecken. Es ist, als liefen wir über eine Fata Morgana.
Vor uns hebt der Hoh Head herrisch sein Haupt. Seine felsige Flanke sagt: ›Hier kein Durchgang‹. Auf unserer Karte ist diese Stelle einfach nur mit ›Danger‹ bezeichnet. Sie auf der Wasserseite zu umrunden wäre lebensgefährlich. Deswegen halten wir nun nach der Leiter Ausschau, mit deren Hilfe wir hinauf in den Regenwald klettern können. Wie gefährlich das ist, steht nicht auf der Karte.
Die Passagen durchs Landesinnere werden hier mit kreisrunden, vielleicht dartscheibengrossen Holzschildern markiert, auf denen Viertelkreise abwechselnd rot und schwarz ausgefüllt sind. Das Ganze wirkt eher wie ein Warnzeichen für Biowaffentests als wie ein freundlicher Hinweis für eine Landpartie.
Das Schild sehen wir nicht, dafür die Leiter. Sie besteht aus meterlangen, mit Seilen zu Sprossen verknüpften Holzpalisaden und schmiegt sich eng an Fels und Geröll. In der Mitte hängt ein loses Seil herunter, wohl zum Festhalten. Oder Abseilen. Jedenfalls hätte man ohne die Leiter keine Chance dort hinaufzuklettern.
Dort oben wartet unbekannter Regenwald. Der Weg über den Hoh Head ist der längste und, Berichten zufolge, härteste Abschnitt durch den Dschungel.

Jetzt wird’s schmutzig
›Not gonna happen!‹, tönt es in meinen Ohren. Erwähnte ich schon, dass Mobiltelefone in diesem gesamten Küstenabschnitt keinen Empfang haben? Forks ist der letzte Außenposten mit Handyempfang, selbst in La Push, unserem Ziel für heute, weit hinter diesem mächtigen ›Headland‹-Felsen, ist Funkstille. Laut der Zeitschrift ›Backpacker‹ ist das Mobiltelefon mittlerweile Rettungsuntensil Nummer Eins für Outdoor-Abenteurer. Nun, wir werden hier darauf verzichten müssen. »Ich will da jetzt nicht rauf«, fasse ich das Ergebnis meiner Überlegungen zusammen.
»Wir gehen da jetzt auch nicht rauf«, antwortet er.
Nanu, ist das etwa ein Hoffnungsschimmer?
Er isst zwei von den Aldi-Minibrioches. Dann pinkelt er landwärts.
»So, jetzt gehen wir da rauf«, eröffnet er dann, nunmehr bereit für den Urwald.
Wir erklimmen die Leiter. Die untere Hälfte ist steil und sauber, die obere nicht ganz so steil und schlammig. Ein kleiner Bach fließt hier hinunter und setzt die Leitersprossen unter Wasser und Schlamm. Schöne Vorzeichen dafür, was uns ganz oben erwarten wird.
Am Ende der Leiter geht es noch ein Stück weiter nach oben, auf einem äußerst matschigen und rutschigen Pfad. Äußerst matschig und rutschig. Das hält ihn nicht davon ab, schon wieder in einen Laufschritt zu verfallen, was auf diesem Untergrund vollkommen unökonomisch ist.
Er hält auch nicht an, als wir das Plateau des Hoh Head erreicht haben, sondern sagt nur: »Oh!«
Botanisch betrachtet liegt vor uns ein biodiverses Ökosystem der gemäßigten Klimazone, in dem die Kronenschicht durch Picea Sitchensis (Sitkafichte), Pseudotsuga Menziesii (Douglastanne), Tsuga heterophylla (Hemlocktanne) oder Acer Macrophyllum (Großblattahorn) gebildet wird. In der Bodenschicht dominieren Polypodium Glycyrrhiza (Lakritzfarn), Polystichum Munitum (Schwertfarn), Athyrium felix-fernina (Wald-Frauenfarn) und epiphytische Moose wie Isothecium Stoloniferum (Katzenschwanz-Moos).
Laienhaft gesehen stecken wir im Wald.
In einem Wald, der so dicht ist wie eine grüne Höhle und nur so wimmelt vor entfesselter Flora. Alles hier scheint zwei- bis dreimal überwuchert zu sein. Es gibt Bäume, die auf umgefallenen Baumstämmen zu voller Höhe gewachsen sind, noch bevor ihr armer, gekippter Kollege vermodert ist.
Der Pfad vor uns ist gut zu erkennen: Inmitten dieser Chlorophylllawine markiert er den feuchtesten und schlammigsten Untergrund. Zuerst sehen wir links von uns noch ab und zu den Pazifik durch Baumstämme und Blattwerk schimmern, doch schon bald hat uns die Vegetationsstampede vollkommen überrollt.
»Jetzt noch ein tropischer Regenguss«, wünscht er sich.
»Um den Schlamm vom Körper zu spülen?«
»Um die Stimmung perfekt zu machen.«
»Soll ich kurz erläutern, was meine Stimmung perfekt machen würde?«
»Nein.«
Er läuft. Durch Pfützen, Rinnsale, über Wurzeln, durch Schlammlöcher und kommt sich leichtfüßig vor. Wir gewinnen noch etwas an Höhe und der Weg wird besser, weniger schlammig, noch immer voller Wurzeln, dazwischen aber fest und federnd.
»Ist das toll!«, schwärmt er. »Was für eine Explosion von Leben um uns herum! Und diese Luft! Mal überwiegt der Waldgeruch, mal die See. Das ist ja wohl der Cocktail der zwei besten und frischesten Luftsorten, die es auf dieser Erde gibt!«
Wir müssen über einen Baumstamm balancieren, der über einen stark bewachsenen Graben führt. Man kann nicht erkennen, welcher Untergrund unter dem dichten Bewuchs lauert. Oder welche beißenden, giftigen Bewohner. Hier sollte man besser nicht die Balance verlieren.
Tun wir nicht. Dafür haben wir die Karte verloren, wie ein Kontrollgriff an den Hüftgurt zeigt. »Uh«, kommentiert er und überlegt, was nun zu tun ist. Dabei läuft er weiter.
Brauchen wir die Karte wirklich? Und wozu? Sie sagt uns, wo die Überlandstrecken durch den Regenwald vom Strand abbiegen und anhand wichtiger Landmarken, wie weit wir sind. Auf der anderen Seite ist der Weg bisher ganz gut zu finden gewesen, so richtig vermisst hätten wir die Karte bisher nicht. Zudem haben wir noch zwei Flüsse zu durchqueren und die Flut steigt höher und höher. Und je höher sie steigt, desto schwieriger die Flusspassagen. Für eine lange Kartensuche haben wir eigentlich keine Zeit.
Soweit zur rationalen Abwägung. Er läuft weiter. Horcht in sich hinein. Ich richte ihm aus, dass ich einfach nur so schnell wie möglich ankommen möchte. Aber er bezieht mich natürlich nicht in seine Überlegungen mit ein.
Plötzlich kehrt er um und läuft den Weg zurück, die Augen suchend auf den Boden gerichtet.
Das ist ein Gefühl wie damals als Kind, als man gezwungen wurde, auf dem Rücksitz festgeschnallt entsetzlich lange Urlaubsfahrten zu unternehmen. Und dann kommt auch noch eine Panne dazwischen.
Als wir schon fast wieder am Rande des Hoh Heads sind, finden wir tatsächlich die Karte. Sie liegt auf dem Weg im Matsch. Er hebt sie auf, wischt sie notdürftig an einer der weniger schmutzigen Stellen am Oberschenkel ab und hält sie von nun an in der Hand.
»Gut, dass wir umgekehrt sind«, meint er. »Jetzt fühle ich mich besser.«
Die arme Karte hat einiges mitgemacht, mittlerweile ist sie durchtränkt, vollgeschwitzt, schmierig und schlammig. Genau wie wir. Umtauschen werden wir sie wohl nicht mehr können. Egal, sie erfüllt noch ihre Funktion. Genau wie wir. Und deswegen laufen wir weiter.

Gefahren
Auf dem Rückweg springt uns an einer entwurzelten Sitkafichte plötzlich ein strenger Wildgeruch an. Der war eben, als wir zum ersten Mal an dieser Stelle vorbeigelaufen sind, noch nicht dagewesen.
Ich habe Angst. Etwas, das so stinkt, kann nur groß und gefährlich sein. Und wahrscheinlich hat es hier sein Revier markiert.
Wir bleiben stehen.

***

Weiter geht es in der Druckfassung von ES läuft. Die ist im Buchhandel erhältlich - oder bei mir.

Kommentare:

  1. Wow, ich bewundere Leute, die so etwas dann durchziehen. Mein innerer Schweinehund ist da meistens schneller als ich. Aber so hast Du natürlich richtig geniale Eindrücke und Erlebnisse.

    So bin auf Deine Abnehmetipps gespannt.
    LG aus München

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  2. Super Laufbericht...
    LG Wildhorse

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